Als Testmanager oder Teamleiter nutze ich KI, um meine Entscheidungsfähigkeit scharf zu halten. Und gleichzeitig evaluiere ich die KI!

Es ist kein Geheimnis, dass ich Pilot war und an mehreren Militärflugzeugen gearbeitet habe. Dadurch kenne ich mich mit Waffen, elektronischer Kampfführung und Einsatzgebieten aus. Wenn du zwischen den Zeilen liest: Ich habe "schnellere Entscheidungen" geschrieben und nicht "bessere Entscheidungen". Erst die Zeit zeigt das Ergebnis einer Entscheidung. 33 Triebwerke an einer Rakete statt 5? Auf den ersten Blick eine verrückte Entscheidung, oder (SpaceX)?
Piloten werden darauf trainiert, schnell zu entscheiden. Doch welcher Prozess steckt hinter dieser Geschwindigkeit? Und was hat das mit Risk Based Testing, Pairing, Context Driven Testing, Testkampagnen-Management, Ressourcenmanagement, Datenmanagement und Kommunikationsmanagement zu tun?
Mein Training dreht sich um einen sehr realistischen Luftkampf-Flugsimulator, der von KI angetrieben wird, inklusive Tools für Briefing, Bedrohungsanalyse und Planung zur Festlegung von Zielen. Für die Leistungsbewertung der KI und meiner selbst nutze ich ein Debriefing-Tool, mit dem ich eine Retro durchführe.
Das Rig ist rund um diese Software und Hardware aufgebaut:
- KI-gestützte Game-Engine Digital Combat Sim: Red bewegt sich und reagiert auf Blue abhängig von mehreren Faktoren (Höhe, Geschwindigkeit, Einsatz von aktivem Radar oder Radarstörsender ...). Dieselbe Mission verläuft also nie gleich. Meine Staffel wird ebenfalls von KI gesteuert, aber ich kann jederzeit übernehmen (in ihr Cockpit springen). Wenn du mehr über KI in DCS wissen willst: "Growling Sidewinder" aus der DCS-Community zeigt das hier (auf Englisch).
- Digital Combat Sim Briefing und Missionsplanung: Die Informationen, die die "Aufklärung" gesammelt hat, und deine Infrastruktur werden auf einer Karte angezeigt. Das ist eine Momentaufnahme der aktuellen Lage (stationierte Mittel, sichere Zonen, Bedrohungen, Abwehrsysteme).
- TACVIEW für die Echtzeitansicht des Einsatzgebiets und das Debriefing: Diese Software sammelt Parameter (Telemetrie) aller verfolgbaren Objekte (Fahrzeuge, Raketen, Schiffe, Flugzeuge) und stellt die Daten in Echtzeit in einer 3D-Umgebung dar. Später kann ich die Mission noch einmal "abspielen", um die Effizienz und die Erfolgsquote der Mission zu messen. Die französische Luftwaffe setzt diese Software in realen Trainings ein.
- HOTAS (Hands On Throttle And Stick): Eine Nachbildung von "Joystick" und Schubhebel des Kampfjets A10 (Panzerknacker) in Originalgrösse. Das System hat insgesamt 55 Knöpfe, über die ich auf 151 Funktionen zugreifen kann.
- VoiceAttack, Spracherkennungssystem: Damit sende ich Befehle an meine Staffel, höre alle Gefechte in Echtzeit mit und steuere einige sekundäre Flugzeugsysteme.

Kapitel 1: Informationsbriefing
Das Briefing ist eine strukturierte Präsentation, die Informationen vermittelt, Anweisungen gibt oder Entscheidungen erleichtert. Es ist entscheidend, damit alle Beteiligten für ihre Rollen und Verantwortlichkeiten informiert, abgestimmt und vorbereitet sind. Oft unterstützen Diagramme, Karten, Skizzen und Folien die Präsentation und veranschaulichen die wichtigsten Punkte. Diese Hilfsmittel machen komplexe Informationen zugänglicher und leichter verständlich.

Kapitel 2: Entscheidungsbriefing
Auf Basis des vorherigen Briefings bewerte ich die "Qualität" der präsentierten Informationen und schätze die Fähigkeiten von Red zur Datenfusion ein. Wie viele Truppen haben sie, wo sind sie, können sie mich entdecken, welche Reichweite haben ihre Waffen, woher kommt ihr Nachschub, welche Risiken gibt es und wie kann ich diese Risiken eindämmen? Welche Reichweite hat meine Staffel, wie viel Treibstoff im Verhältnis zu Waffen können wir mitnehmen, muss ich ein Flugzeug für einen Teil der Mission "spezialisieren"?
Ein Beispiel aus dem Entscheidungsprozess:
Wenn ich eine AGM 154 (Gleitbombe) einsetzen muss, muss ich den Wind berücksichtigen. Eine lasergelenkte Paveway-Bombe braucht eine gewisse Sicht, aber dann muss ich einen Pod "opfern", um den Laserzielmarkierer bzw. die InfraRot-Kamera mitzunehmen. Ist der Tag in der Wüste zu heiss, bekomme ich ein schlechtes IR-Bild. Ist es zu kalt, zieht die Hitze der Triebwerke ihre IR-Suchköpfe an. Wie schnell wird Red reagieren? Vielleicht kann ich einen Teil meiner Staffel vorausschicken, um ihr Radar oder ihr Abwehrsystem auszuschalten (Bodenangriff), und dann mit meiner Staffel eine weitere Runde fliegen.

Kapitel 3: Missionsbriefing

Hier liegt der Fokus auf den Details der konkreten Mission oder Operation. Dazu gehören Informationen zu Zielen, Taktik, Logistik, ROE (Rules Of Engagement, also Einsatzregeln) und Notfallplänen.
Die ROE decken folgende Aspekte ab (übertrage beim Lesen ruhig einige Begriffe in die Welt des Software- und Hardware-Engineerings):
- Rechtliche Compliance: Einhaltung des internationalen Rechts
- Operative Leitlinien: Unnötige oder übermässige Gewaltanwendung verhindern.
- Missionsziele: Sicherstellen, dass die Gewaltanwendung auf die übergeordneten Ziele der Operation ausgerichtet ist.
- Schutz von Nichtkombattanten: Kollateralschäden vermeiden oder minimieren
- Flexibilität und Anpassungsfähigkeit: Die ROE anpassen, wenn sich die Lage entwickelt.
Zeit für Jira!
Jetzt setze ich die Mission im System um. Die Mission besteht aus mehreren Schritten, die Jira-Tickets ähneln, die verschiedenen Teams zugewiesen sind. Diese Tickets sind wegen Abhängigkeiten miteinander verknüpft. In meinem Rig sind das "Trigger" mit ausgeklügelter Logik (Wenn dieser Teil der Mission (das Ticket) mehr als X Punkte erzielt, dann tu das, sonst dies). Jedes Ticket trägt zur Gesamtpunktzahl der Mission bei. Erreicht die Gesamtpunktzahl eine bestimmte Anzahl "Punkte", gilt die Mission als Erfolg, und ich gebe meiner Staffel den Befehl "Return to Base".
Kapitel 4: Stabsbriefing
Dient dazu, Aktivitäten zu koordinieren und unter den Stabsmitgliedern Informationen zu teilen. Im Spiel laufen diese Aufgaben unsichtbar im Hintergrund, aber im Grunde kennen alle Teams die zu verwendenden Funkfrequenzen und die Codes für die Laserkodierung und wissen, wo welche Mittel eingesetzt werden.
Kapitel 5: Missionsausführung: KI gegen Mensch
Nach den üblichen Checklisten vor dem Flug ist es Zeit, die Turbinen der FA18 Hornet zu starten (oder welches Flugzeug auch immer für die Mission als geeignet befunden wurde).
KI wurde von Menschen programmiert und mit Szenarien trainiert, die Menschen erstellt haben. Ich erwarte also einige "menschlich vorhersehbare" Reaktionen. Hier kommt das Cynefin-Framework ins Spiel, das auch im Militär verwendet wird. Ich befinde mich jetzt eindeutig in der komplexen Domäne. Der Ansatz Probe-Sense-Respond passt dazu. Der zweite Ansatz, den ich gleichzeitig einbringen muss, ist die Datenfusion meiner Bordsensoren. Vor ein paar Monaten habe ich hier (auf Englisch) etwas über Datenfusion in Kampfjets veröffentlicht. Sie ist ein Indikator für die Qualität der Bedrohungsanalyse und der Missionsplanung.
Kurz gesagt könnte ich das in Gherkin so formulieren (vereinfacht, um ein TL;DR zu vermeiden):
Szenario: Mit ausgeschaltetem Radar unterhalb der Sichtlinie fliegen, damit ich unentdeckt bleibe.
Angenommen ich sitze in meiner FA18
Und mein Flugzeug fliegt unter 6000 Fuss über flachem Gelände
Und das Radar von RED ist mehr als 176,18962149 km entfernt (Line Of Sight, Sichtlinie)
Wenn mein Radar auf STANDBY steht
Dann kann mich das Radar von RED nicht entdecken.
Super! Das funktioniert, denn ich sehe, wie die anderen RED-Flugzeuge kreisen, statt auf mich zuzufliegen. Diese Information liefert der DATALINK vom AWACS (fliegendes Radar), das ich bei der Missionsvorbereitung eingesetzt habe.
Als Nächstes teile ich die Staffel auf und schicke eine Gruppe 45 Grad vom Kurs ab, während ich die Aufmerksamkeit des Gegners auf mich ziehe. Dafür gehe ich mit drei Wingmen ins Pairing. Wir steigen mit Nachbrenner auf 14000 Fuss und schalten dort unsere Radare und Störsender ein. So sollte die KI denken, dass wir eine grosse Gruppe von Flugzeugen sein könnten, die auf RED zufliegt.
Super! Das funktioniert, denn RED fliegt auf meine kleine Gruppe zu und nicht auf die abgespaltene Gruppe.
Als Nächstes muss ich die KI glauben lassen, dass ich diese Route weiterfliege! Gleichzeitig fliege ich direkt auf sie zu. Sobald ich sicher bin, dass RED uns verfolgt, fliege ich eine 90-Grad-Kurve, um ihr Radar mit einem Notch-Manöver auszutricksen.
Super! Das funktioniert, denn sie fliegen ihre Route weiter, während ich 90 Grad vom Kurs abweiche.
Die Mission läuft bis zum Ende weiter oder bis ich den Befehl "Return to Base" gebe. Während der Mission bin ich dank einer strikten Funksprache über alle wichtigen Ereignisse informiert. Diese Daten sind meine Grundlage für Ressourcenmanagement und Missionsfortschritt. Tritt ein Ereignis ein, muss ich Lage, Ressourcen und Ziele neu beurteilen und die richtigen Entscheidungen treffen.

Kapitel 6: Bewertung der Mission und der KI
Die Mission werte ich mit TACVIEW aus. Die Bewertung der KI stützt sich auf die Informationen (Telemetrie), die in TACVIEW verfügbar sind.
Einige Beispiele, in denen die KI nicht richtig funktioniert:
Bei der Rückkehr zur Basis und der Landung auf dem Träger oder dem Flugplatz haben beschädigte Flugzeuge oder Flugzeuge mit wenig Treibstoff Vorrang. Das wird nicht umgesetzt.
Einige Flugzeuge sind viel zu schwer, um auf dem Träger zu landen. Sie hätten vor der Landung einen Teil ihrer Waffen abwerfen müssen, haben es aber nicht getan. Das wird nicht umgesetzt.
Im Nahkampf sind meine Wingmen oft zu nah bei mir und auf gleicher Höhe, obwohl sie höher fliegen sollten, um mich zu decken, falls ein anderes Flugzeug versucht, sich an meine Six (hinter mich) zu setzen.
Auf welcher Grundlage bewerte ich die KI also?
Luftkämpfe wurden über die Jahre von vielen Fliegern verfeinert. Sagt dir Topgun etwas? Ich habe viele Stunden lang zuerst die Grundlagen und dann die verschiedenen Taktiken des Luftkampfs gelernt und geübt. Dieses Wissen kombiniere ich mit dem, was ich über die technischen Fähigkeiten von Radar, Flugzeugzellen, Aerodynamik und Waffen weiss. Ich könnte dieselbe Mission mehrmals vorbereiten und fliegen, und sie würde jedes Mal anders verlaufen. Das zwingt mich, Entscheidungen zu treffen, manchmal blitzschnelle Entscheidungen, wenn ich mich RED mit 686 Metern pro Sekunde nähere oder wenn eine Rakete mit 1715 Metern pro Sekunde Annäherungsgeschwindigkeit auf mich zukommt.
Am Ende muss ich im Debriefing oder in der Retro diese Fragen beantworten:
Wie viel Aufwand haben wir in dieser Mission betrieben und wie viel haben wir erreicht? Man könnte auch fragen: "Wie war unser ROI (Return On Investment)?" Wie viele Teammitglieder haben wir verloren? Haben wir die Rules Of Engagement an die Lage angepasst? Wie hätte ich mich in diesem Nahkampf verbessern können (langsamer fliegen, Waffen abwerfen, um leichter zu sein und ein wendigeres Flugzeug zu haben)?

Fazit
Auch wenn ich grosse Erfahrung im Testen komplexer und komplizierter Systeme habe, würde ich mich genau so bezeichnen, wie es auf meiner Visitenkarte stand, als ich an der Boeing 777 gearbeitet habe: Test and Evaluation Pilot.
Mit anderen Worten: Man kann Teile einer KI testen, aber evaluieren kann man KI nur als Ganzes.
Der Transfer von Wissen und Kompetenzen wird von HR-Abteilungen stark unterschätzt. Frag dich einfach, warum ehemalige Marines in US-Unternehmen für manche Positionen bevorzugt werden.
Projekte in der Luft- und Raumfahrt und im Militär sind weltweit führend, wenn es um technologischen Fortschritt geht. Das gelingt, weil sie die richtigen Köpfe in ihren Teams haben, aber auch dank etablierter und bewährter Methoden.



